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Mission Siret – 7. Rotation

Eine Woche in Siret neigt sich dem Ende zu. Der Flug nach Hause bietet sich an, um noch einmal zu rekapitulieren, welche Eindrücke der letzten Tage aus Rumänien und der Ukraine hängen bleiben.

Die 7. Rotation startete am 6. Mai gemeinsam an der rumänisch-ukrainischen Grenzstadt in Siret. Zu Beginn waren wir stolze 11 Freiwillige, die in den folgenden Tagen die „Mission Siret“ in der Ukraine unterstützten. Unter der Leitung unseres Team-Leaders Richard fuhren wir am Tag nach unserer Ankunft zum ersten Mal über die Grenze in die Ukraine. Unsere Sprinter-Flotte hatte eine Menge Hilfsgüter für eine Schule und ein Krankenhaus im Gepäck. Waren wir bei unserer ersten Tour schon darüber erstaunt, wie viele LKWs sich an der Grenze sowohl nach Rumänien als auch in die Ukraine stauten, so konnten wir nicht fassen, dass im Laufe der Tage besonders die ukrainische Schlange auf eine Länge von knapp 20 km anwuchs. Aktuell benötigen die LKWs mehr als eine Woche, um in die Europäische Union einzureisen.

Auch am nächsten Tag fuhren wir los, um ein paar Stunden später nach dem erfolgreichen Abliefern von Kartoffeln, Möhren und Konserven zu einem leckeren Mittagessen in Kamianets-Podilskyi, einer wunderschönen Stadt, die 120 km von der rumänischen Grenze entfernt ist, empfangen zu werden. Denn neben dem so wichtigen Ein- und Ausladen der Hilfsgüter, lag uns stets viel daran, mit Ukrainern ins Gespräch zu kommen und von ihnen persönlich zu erfahren, wie sie den Krieg erleben und vor allem, wie wir noch mehr und besser helfen können.

Maßgeblich dafür verantwortlich, dass wir uns in Siret über die Woche so wohl gefühlt haben, war unser Gastvater Daniel, seine Frau Kiki und ihre beiden Kinder. Daniel ludt uns sogar dazu ein, an unserem freien Samstag zu einem Freundschaftsspiel seines Fußball-Teams in Siret dazustoßen. Georg, Camillo und Max vertraten unsere Gruppe ausgezeichnet auf dem Platz und bewiesen, dass man dem Rumänisch nicht mächtig sein muss, um gemeinsam Tore zu schießen. Doch damit nicht genug: Nach einem ausgiebigen Frühstück am nächsten Sonntagmorgen wohnten wir gemeinsam dem Gottesdienst bei, den unser Gastvater Daniel als orthodoxer Priester leitete. Nachmittags stand die gemeinsame Besichtigung dreier Klöster auf dem Programm: Putna, Loneliness of Putna und Sucevita. Den Abend ließen wir noch in einem typisch rumänischen Restaurant ausklingen. Neben der traditionellen Suppe „Ciorba de burta“ und diversen leckeren Hauptgerichten legten uns Daniel und Kiki nahe, den Nachtisch “Papanasi” zu probieren: ein typisch rumänischer Dessert aus Fettgebäck in Donut-Form, der mit Sauerrahm, Marmelade und Früchten garniert wird. 

Da vor dem 9. Mai leider nicht abzusehen war, wie und ob die aktuelle Lage sich zuspitzen würde, entschieden wir uns dazu, auch am Montag, den 9. Mai, nicht in die Ukraine zu fahren. Den Tag konnten wir jedoch gut nutzen, um in unserem Lager ordentlich aufzuräumen. Lukas konnte seine deutsche Ingenieurskunst unter Beweis stellen, um uns zu helfen, die uns zur Verfügung gestellten Kartoffeln möglichst einfach und kräfteschonend abzupacken. Gleichzeitig vertraten uns Justus, Richard und Georg in einer lokalen Fernseh-Show und machten auf unser Projekt und unsere Ziele aufmerksam.

An den nächsten Tagen brachen wir dann jedoch endlich wieder auf, bevor uns der „Lagerkoller“ noch einzuholen drohte. Ein Waisenhaus, zwei Rathäuser, ein Landschulheim und eine Schule freuten sich über die Hilfsgüter, die wir in unseren Sprintern dabei hatten. Begleitet wurden wir von zwei Freiwilligen der kanadischen Organisation „GlobalMedic“, mit denen wir zusammen die von dem Projekt zur Verfügung gestellten Lebensmittel-Boxen auslieferten.

Im Gedächtnis bleibt uns auch die Fahrt zu einem Stützpunkt für Hilfsgüter in einer großen Lagerhalle westlich von Czernowitz. Daniel, unser täglicher Begleiter beim Passieren der Grenze und Ausfahren der Hilfsgüter, berichtete uns abends, dass unsere Lieferung schon auf dem Weg in die Donbass-Region sei. In diesen Momenten wird einem bewusst, wie nah der Krieg doch ist, obwohl wir das Kriegsgeschehen nicht hautnah miterleben.

Unsere letzte Fahrt in die Ukraine führte uns in eine Psychiatrie nach Czernowitz. Dort übergaben wir drei große Paletten mit Wasserflaschen. Die Managerin des Krankenhauses nahm sich die Zeit, uns eine Station für männliche manische und schizophrene Patienten zu zeigen. Zusätzlich führte sie uns noch in ein Kellergewölbe der Klinik, in dem notdürftig Feldbetten aufgebaut waren. Uns wurde erklärt, dass hier bei Luftalarm die Patienten hinunter geführt würden, um den Alarm abzuwarten. Das Wasser, das wir auslieferten, soll sicherstellen, dass die Patienten trotzdem gut versorgt sind.  

Nach getaner Arbeit ließen wir unseren letzten Abend am Fluss Siret im Sonnenuntergang ausklingen, schwelgten in Erinnerungen und überlegten gemeinsam, wie wir uns weiter für die “Mission Siret” auch nach unserem, sich nun dem Ende zuneigenden Einsatz engagieren können. Denn eines ist sicher: so schnell werden wir das Erlebte nicht vergessen. Slawa Ukraini!

Marie Vogel

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